Interview

Peter Ippolito Managing Partner Ippolito Fleitz Group

Kreativität, Sinnhaftigkeit und Effizienz – wie neue stimmige Arbeitswelten unser Raumverständnis verändern

Peter Ippolito ist Architekt und Geschäftsführender Gesellschafter der Ippolito Fleitz Group. Er und sein Partner Gunter Fleitz wurden als erste deutsche Gestalter aus dem Bereich der Innenarchitektur in die New Yorker ‚Interior Design Hall of Fame‘ aufgenommen. Die Projekte des multidisziplinäres Designstudios wurden mit mehr als 450 nationalen und internationalen Awards ausgezeichnet.

Die Bedeutung des Begriffs New Work scheint sich seit den 1980er Jahren täglich neu zu erfinden. Der Begriff wird meiner Ansicht nach inzwischen inflationär verwendet. Der Philosoph Frithjof Bergmann hatte diesen geprägt, als er traditionelle Arbeitsstrukturen in Frage stellte und darüber hinaus Antworten gegeben hat, wie wir in Zukunft zusammenarbeiten wollen. Herr Ippolito, wann kann man Ihrer Ansicht nach von einer „echten“ New Work-Arbeitsstruktur sprechen?
Um echt oder nicht echt geht es uns eigentlich weniger. New Work ist vielmehr ein Sammelbegriff, der es uns erlaubt, eine Sprachlichkeit zu finden. Wir verstehen unter New Work eine grundlegende Auffassung von Arbeiten, die auf einer völlig anderen Idee von Führung und Kommunikation basiert – also weg von einer klassischen Top-Down-Hierarchie hin zu einem horizontalen Arbeiten mit stärkerer Eigenverantwortlichkeit. Diese neue Auffassung hat natürlich tiefgreifende Konsequenzen für und in den Unternehmen. Diese reichen von den Prozessen über die Teamzusammensetzung und -organisation bis hin zur Raumgestaltung.

Sie sprechen davon, dass die Begrifflichkeit „New Work“ ein sprachliches Etikett ist, das es uns ermöglicht, in Kommunikation zu kommen und somit in mögliche Change-Prozesse. Was meinen Sie damit?
Wir Menschen brauchen ja immer Icons, also etwas konkret Sichtbares, damit etwas wirklich begreifbar bzw. wahr wird. Bei New Work können das Dinge sein wie die Aula oder eine Arena, die ich als Unternehmen baue, oder andere Insignien des neuen Arbeitens. Aber das ist ja nicht New Work. New Work ergibt nur dann Sinn, wenn der Prozess dazu aus der Entwicklung der Firma selbst herauskommt. Das heißt: Nur Organisation, Führungskultur, Kommunikationskultur, Prozesse, Werkzeuge und – als Spitze des Eisberges – die Raumgestaltung zusammen ergeben New Work. Wenn diese gesamte Kette nicht einheitlich gedacht ist, hat das Neue wenig Chancen erfolgreich zu sein. Denn wir alle haben einen sehr sensiblen Radar dafür, ob die Dinge stimmig sind. Das heißt, die schicke Arena, der bequeme Sessel oder die hippe Schaukel nutzen mir nichts, wenn es nicht gewünscht ist, dass ich darin sitze. Will heißen: Nur wenn das, was ich im Raum sehe, ein Spiegel dessen ist, was in der Firma als Kultur gelebt wird, kann New Work funktionieren.

Dann scheint Stimmigkeit das Zauberwort zu sein – wobei wahrscheinlich weniger Zauber die Grundlage für ein Gelingen ist, sondern vielmehr das sinnvolle Verbinden all dessen, was Visionen, Identitäten und Werte der Beteiligten und vor allem der Unternehmenskultur ausmacht? Ist es das, was Menschen wieder bewegt, für die Firma einzutreten und zur Arbeit gehen zu wollen?
Der Grund ins Büro zu gehen, muss heute der sein, dass ich gern dahingehen möchte. Dieses Umdenken – also Müssen zum Wollen – stellt einen immensen Hebel für die veränderte Sicht auf das Arbeiten dar. Das Büro hat dafür nämlich etwas völlig anderes zu leisten, als Arbeitsplätze zu organisieren. New Work heißt, das Büro als einen Ort zu verstehen, an dem die Werte und die Sinnhaftigkeit des jeweiligen Unternehmens erlebbar werden. Es geht um die Identität und den Zweck, und damit um zentrale Themen wie Aneignungen, Weiterentwicklung, Sichtbarsein und Wahrnehmung – und natürlich um Austausch und Kreativität. Das alles sind erst einmal nur Schlagworte, die jede Unternehmenskultur für sich individuell übersetzen muss. Wenn sich diese Identität im Raumkonzept manifestiert, dann ist das genau das, was wir heute unter einem erfolgreichen Büro verstehen können.

Nach der Pandemie hat sich vieles verändert, auch das Verständnis von einem erfolgreichen Büro, das Sie angesprochen haben. Unter die anfängliche Euphorie haben sich mit der Zeit auch Zweifel gemischt. Was ist nun die beste Form der Zusammenarbeit und welche Art von Räumlichkeiten verorten diese? Inzwischen gibt es oft unterschiedliche Unternehmensphilosophien, und viele Mitarbeitende müssen zurück ins alte Büro. Und doch scheint es einen Wandel zu geben, der nicht mehr zurückzudrehen ist. Sind das widersprüchliche Entwicklungen?
Durch Pandemie und Homeoffice haben wir einen Geschmack von Freiheit bekommen, der uns ein stückweit aus den tradierten und schablonierten Ideen von Arbeit herausgerissen hat. Corona kam zu einem Zeitpunkt, zu dem technologisch bereits Vieles möglich war. Aber der Befreiungsmoment, den viele Menschen zu Beginn verspürt haben, wurde von einer Realität eingefangen, in der man beispielsweise mit zwei Kindern am selben Küchentisch arbeiten musste und das Hochgefühl der Freiheit recht flott der Organisation des Alltagschaos wich.
Die Diskussion, ob Büro oder Homeoffice das Richtige ist, muss meines Erachtens gar nicht geführt werden. Was wir gelernt haben ist, dass sehr viele Arbeitsmöglichkeiten valide sein können. Diese sind verbunden mit den neuen technischen Möglichkeiten und natürlich auch mit den sich immer weiter entwickelnden Ideen davon, wie ich als Mensch lebe, wohne und unterwegs bin. Heute steht vor allem im Vordergrund, an was ich arbeite, wie und mit wem. Das wo ist hier nachgeordnet.

Welche Rolle spielt die technische Funktionalität des Büros? Oder ist es sogar so, dass diese eine untergeordnete spielt, weil Mitarbeitende diese voraussetzen oder bereits im eigenen Rucksack selbst mit sich tragen?
Die Fliehkräfte sind sehr hoch. Technisch kann ich von jedem Ort aus arbeiten. Gerade daher wird es wichtig sein, immer wieder die Frage neu zu verhandeln, warum ich bei dieser Firma bin, und warum wir zusammengehören? Das ist meines Erachtens die Kernaufgabe des Büros von heute.

Es könnte auch sein, dass Mitarbeitende es als Bedingung sehen, dass sowohl die private als auch die berufliche Sphäre Teil des Arbeitsvertrages sind und damit auch Küchen, Schlaf-, Wohn- und Esszimmer Teil der Arbeitsumgebung bleiben. Wie verändert dieses Life-Blending das Interior Design?
Das Zuhause wird sich stark weiterentwickeln müssen. Gerade in der Stadt haben wir Wohnungen immer kleiner gemacht, weil der Raum ja immer teurer wird. Ein Arbeitszimmer kommt hier meist gar nicht mehr vor. Daher braucht es eine neue Intelligenz in Grundriss und Mobiliar. Das ist auch nötig, denn ich kann ja nicht verantworten, dass das erste und das letzte, das ich am Tag in meinem privaten Raum sehe, meine Arbeit ist. Auch das Thema Ergonomie wird zum Beispiel neu beleuchtet werden müssen. Nachdem die Gewerkschaften 30 Jahre lang für gesunde Arbeitsplätze gekämpft haben, saßen wir während der Pandemie auf Holzhockern am Küchentisch. Das kann nicht sein. Hierfür braucht es Produktlösungen.
Insgesamt werden wir in sehr vielen Bereichern in hybride Nutzungen gehen. Das reicht vom Städtebau mit der inzwischen überholten Trennung von Wohnen und Retail bis eben zu unseren Wohnungen, in denen das Arbeitszimmer allein aus Platzmangel nicht zurückkommen wird. Vielmehr werden wir Grundrisse und Nutzungen entdecken, die wir transformieren können, die mehrere Dinge gleichzeitig können.

Sie sprechen Transformationen an, die von zukünftigen Stadtentwicklungen bis hin zu multifunktionalen Büromöbeln reichen. Wahrscheinlich werden wir weltweit unterschiedliche Entwicklungsschritte und Vorgehensweisen erkennen und erleben.
An eines werden wir uns sicherlich gewöhnen müssen, nämlich, dass es die eine Wahrheit nicht gibt. Alles geht. Die Lösungen sind halt sehr individuell. Es gibt jetzt schon Unternehmen, die physisch überhaupt nicht mehr existieren, Unternehmen, die extrem dezentral mit vielen Orten funktionieren und es wird auch weiterhin neue Headquarter geben. Dazu finden wir sehr viel dazwischen: hybride Modelle, Hubs oder Shared Offices.
Mit unserem Büro arbeiten wir derzeit in diesem Bereich an mehreren großen Projekten, was sehr spannend ist, denn durch diese Durchlässigkeit, wenn sich mehrere Menschen aus verschiedenen Sphären treffen, findet ja eine Befruchtung auf mehreren Ebenen statt.

Die schon jetzt bestehende hohe Unterschiedlichkeit und das international unterschiedliche Verständnis von den Formen der Zusammenarbeit setzen ja auch voraus, dass Sie für Ihre internationalen Projekte eine große Markttransparenz benötigen und ein Feingefühl, was uns die Zukunft bringt. Wie und wo finden Sie Ihre Inspirationen für die Realisierung?
New Work ist ein globales Phänomen und wir führen eine globale Debatte. Der interkulturelle Austausch – also der Blick auf dasselbe Thema aus verschiedenen Perspektiven – ist mit nichts zu ersetzen. Mit unseren drei Studios und unseren multinationalen Teams auf zwei Kontinenten haben wir dafür die besten Voraussetzungen. Wichtig sind die Momente der Begegnung und die vertiefende Auseinandersetzung über Themen. Diese münden in Inspiration und Kreativität.

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